Garnicht poppig: Martina Gedeck als Ulrike Meinhof
26.09.2008
„Shooting and fucking is the same“ von Constantin Magnis
Bernd Eichinger nähert sich im „Baader Meinhof Komplex“ dem Phänomen der RAF auf kluge Weise. Er verzichtet auf „Theoriegewichse“ und dringt direkt zum Kern des Bösen vor.
Ist der Baader Meinhof Komplex tatsächlich ein Polit-Porno? Der FAZ-Feuilletonist Michael Althen findet: Ja. Der Film bestünde, schreibt er, nur aus Höhepunkten, der Rest sei „Hummersuppe“. Althen ist Jahrgang 1962, er hat das Wüten der RAF noch miterlebt. So wie viele der Rezensenten, die Bernd Eichingers Film eine Historienlektion ohne Haltung, ein Eventkino ohne Impetus, eine enzyklopädische Rekonstruktion der Geschichte ohne den Mut zur Aussage schimpfen.
Vielleicht ist es leichter, über den Film zu schreiben, wenn man zu der Generation gehört, die jene Zeit zwischen dem Tod des Studenten Benno Ohnesorg im Juni 1967 und der Ermordung Schleyers im Oktober 1977 vor allem von Dokumentarfilmen und aus Spiegel-Dossiers kennt. Die Generation, für die 68er von Peter Lustig und dem zerzausten Erdkundelehrer repräsentiert wurden. Vor einigen Jahren haben sie bei H&M noch Buttons mit Ulrike Meinhofs Gesicht verkauft, gerahmt vom RAF Stern. Radical chic, ein Logo so beliebig wie das Ying-Yang Zeichen (hatte für uns als Schüler noch irgendwas mit Skaten zu tun) oder dem Anarchie Logo (stand für Punk, und betrunken gegen Hauswände pinkeln). Und „RAF“, das hatte den Sound von Jimi Hendrix, und für manche vielleicht auch den unrasierten Sex-Appeal einer Uschi Obermaier.
Die berstenden Bomben, die Schüsse und die schrillen Schreie der Opfer müssen für die Ohren genau dieser Generation wieder durch die Kinosäle grellen. Und möglicherweise hilft die Unerfahrenheit mit den Anziehungskräften der Ideologien der 60er und 70er Jahre, zum Kern des Filmes vorzudringen.
"Die Menschen zeigen sich über die Tat. Entscheidend ist, dass sie es tun, nicht, warum", erklärte Bernd Eichinger dem Spiegel. Die Menschen, das sind die Mitglieder der RAF rund um Andreas Baader (Moritz Bleibtreu), Ulrike Meinhof (Martina Gedeck) und Gudrun Ensslin (Johanna Wokalek). Ihre Taten werden, in akribischer Treue zu Stefan Austs journalistischer Vorlage, sauber chronologisch herunterdekliniert, vom ersten Brandanschlag bis zum letzten Mord. Zu Recht beschwert sich die Filmkritik über den Mangel an Thesen, Kausalzusammenhängen und Motiven. Allein, die Schuld trägt nicht der Film.
Pornographie hält mit der Kamera aufs Geschlecht, um zu erregen, nicht um zu verstehen. Als Michael Winterbottom seinen Film 9 Songs herausbrachte, wurde ihm vorgeworfen, er hätte einen Porno gedreht. Dabei kam das in aller unappetitlichen Deutlichkeit gezeigte, hohle Geficke und die anschließende Sprachlosigkeit, die leeren Blicke der Protagonisten, dem Wesen der Promiskuität viel näher, als ein dialogreiches Liebesdrama es je zustande gebracht hätte.
Genau das tut auch der Baader Meinhof Komplex. Er hält sich nicht auf, mit dem "Theoriegewichse", wie Johanna Wokalek als Gudrun Ensslin es einmal formuliert. Er zeigt das stumpfe, tumbe Wesen der Gewalt, das sich in letzter Konsequenz jedem Erklärungsversuch entzieht. Als die RAF Mitglieder zur Terror-Ausbildung nach Jordanien reisen und sich nach dem Schiesstraining nackend in die Sonne legen, erklärt Baader dem pikierten, muselmanischen Kommandanten, sexuelle Befreiung und antiimperialistischer Kampf seien dasselbe: „Shooting und fucking is the same.“ Damit sagt er mehr über die RAF, als alle Pamphlete von Ulrike Meinhof, deren Theorien im Laufe der Geschichte vom Geist, den sie mit heraufbeschwor, vergewaltigt und zerfleddert werden.
Und dieser Geist, soviel macht Eichinger uns klar, ist ein Dämon. Einer, der sich der legitimen Entrüstung junger Menschen über die bräsige Bourgeoisie, den Krieg der USA in Vietnam, den deutschen Staat, bemächtigt. Einer, der die Angriffskraft der Jugend annimmt wie ein Judo Kämpfer, und sie über die Schulter wirft. Auf seine Seite, die Chaos ist, und solange Chaos verbreitet, bis sich nichts mehr regt. Die intellektuelle Gewalt wird zur tatsächlichen Waffengewalt, und wie ein Virus frisst der Ungeist sich von außen nach innen, mit der Absicht alles Bestehende niederzureißen: Erst die Institutionen, dann ihr Fleisch, bis die Kinder der Revolution in Stammheim beginnen sich gegenseitig aufzufressen, und schließlich durch den Suizid sich selbst.
Eichinger blickt dieser Macht mutig ins Auge. Er erkennt sie an, ohne sie wegrationalisieren, oder mit psychologischen und politischen Motiven erklären zu wollen. Der Baader Meinhof Komplex ist kein Porno der erregen will. Er ist eine Studie der Natur des Terrors, und des ihr innewohnenden Bösen. Was er zum Beispiel eindeutig nicht ist, ist eine Hummersuppe mit Höhepunkten.